Emil Simon

 

Die Hüter des Rambachtals: Ein Dorf nimmt Aufstellung:
Es ist das Jahr 1920. In Rambach, jenem beschaulichen Ort im Schutze des Taunuskamms, scheint die Zeit ein wenig langsamer zu vergehen als im weiter unten im Tal gelegenen, mondänen Wiesbaden. Unweit des Bürgermeisteramtssitzes hat sich die Dorfobrigkeit für die Ewigkeit aufgestellt. Die Männer posieren vor der alten Bruchsteinmauer auf dem Quecken. Über ihnen thront die Dorfkirche, doch die Steine hinter ihnen erzählen von der alten Burg, die einst das Tal bewachte. Es ist ein Bild der Beständigkeit in einer Welt, die sich nach dem Ersten Weltkrieg gerade erst neu sortiert.


Das Handwerk der Ordnung: Der Aufstieg des Emil Simon:
Betrachten wir den Mann ganz rechts: Emil Simon. Sein Blick ist fest, sein Schnurrbart perfekt gestutzt. Wer ihn hier in seiner stolzen Uniform mit der glänzenden Pickelhaube sieht, würde kaum glauben, dass er zwanzig Jahre zuvor, bei seiner Hochzeit in Naurod, noch als einfacher Maurer unterschrieben hat.
Die Uniform, die er hier trägt, ist sein ganzer Stolz. Die Pickelhaube - 1920 eigentlich schon ein Auslaufmodell der Geschichte - signalisiert den Rambachern: Hier herrscht Beständigkeit. Simon ist nicht mehr der Mann, der Mauern hochzieht; er ist der Mann, der die Sicherheit des Tals garantiert. Sein Weg ist typisch für den Ehrgeiz jener Generation. In der Disziplin und Verlässlichkeit die höchsten Güter waren. Vermutlich leistete er um 1895 seinen Wehrdienst ab, kehrte in sein Handwerk zurück, erkannte aber bald, dass die Gemeinde händeringend zuverlässige Männer für die Ordnung suchte. Am 1.4.1904 tauschte er die Kelle gegen das Protokollbuch - wurde Ortsdiener, Accsier und Wasseraufseher in Rambach. Die Pickelhaube, die er hier trägt, ist mehr als nur eine Kopfbedeckung; sie ist das weithin sichtbare Zeichen, dass in Rambach das Gesetz regiert. Sie flößt Respekt ein, auch wenn das Kaiserreich, das dieses Symbol erfand, bereits Geschichte ist.
Eine Verwaltung für alle Lebenslagen:
Um Emil Simon herum gruppiert sich das "Betriebssystem" des Dorfes. Jeder Mann auf diesem Foto erfüllt eine lebenswichtige Funktion für die Gemeinschaft:
  • Der Nachtwächter: (Heinrich Will):
    Ganz links steht er, bereit für die einsamen Stunden. Sein schwerer Mantel schützt ihn vor dem herbstlichen Taunuswind. Mit seinem markanten Stock klopft er nachts den Takt der Sicherheit. Er ist das Auge des Dorfes, wenn alle schlafen, immer bereit, beim ersten Anzeichen von Feuer Alarm zu schlagen.
  • Der Feldhüter: (Karl Zahn):
    Er ist der Mann für die Flur. In einer Zeit, in der jeder Apfel am Baum und jedes Scheit Holz im Wald über den Winter entscheiden kann, wacht er darüber, dass niemand sich unrechtmäßig bedient. Seine Uniform ist zweckmäßig - er ist der Grenzgänger zwischen Dorf und Natur.
  • Die Schreibstub: (Heinrich Becker & Karl Merkel):
    Die sitzenden Herren links verkörpern die Bürokratie. Während der junge Gemeindeschreiber Becker die Korrespondenz mit dem Landratsamt führt, wacht der Gemeinderechner Merkel über jeden Pfennig der Steuergelder. Ohne ihre Akkuratesse gäbe es weder neue Wege noch Wasserleitungen.
  • Die politische Spitze: (August Morasch & Phillip Ott):
    In der Mitte thronen die Verantwortlichen. Bürgermeister August Morasch (der später von Carl Zerbe abgelöst wird) trägt zivil - der dunkle Anzug signalisiert bürgerliche Würde. Er muss den Spagat schaffen zwischen den Bedürfnissen der Bauern und den Vorgaben aus Wiesbaden. Links neben dem Bürgermeister August Morasch sitzt der 2.Bürgermeister Phillip Ott.


Das Ende einer Ära:
Dieses Foto von 1920 ist ein letztes Stillleben der dörflichen Eigenständigkeit. Als Rambach 1928 (Foto) eingemeindet wird, endet die Zeit der "Pickelhauben-Polizisten". Emil Simon jedoch lässt sich nicht beiseiteschieben. Er geht den Weg der Professionalisierung konsequent weiter. Aus dem Maurer wurde ein Polizeidiener, aus dem Polizeidiener ein Polizeiassistent der Stadt Wiesbaden. Als er 1937 stirbt, trägt er den Rang eines Hauptwachtmeisters. Er hat den Wandel vom Dorfbeamten zum modernen städtischen Gesetzeshüter vollzogen. Seine Witwe wird ihn um vier Jahre überleben und die Erinnerung an jene Zeit bewahren, als ihr Emil jetzt mit Polizeimütze und Hund Butzi für Ordnung im Rambachtal sorgte.
Gabriele Glessmann 19.3.2026